Karl Nolle, MdL

DIE WELT Seite 3, 18.07.2007

Der König von Leipzig

Die sächsische Messe-Metropole gilt als Dorado für skrupellose Immobilien-Haie. Schillernde Geschäftemacher operieren offenbar häufig am Rande der Legalität. Ein Sittengemälde aus dem Milieu der Abschreibungsmillionäre
 
Die Warnung ist Furcht einflößend. „VORSICHT! Im Objekt freilaufende Hunde!“, steht auf dem Schild an der Eingangstür. In der Leipziger Blochmannstraße 25 werkeln an diesem Juli-Sonntag aber nur emsige Russen. Die Bemerkung, dass dies am Tag des Herrn doch verboten sei, quittiert einer mit Schulterzucken. Er arbeite seit Jahren in der Altbausanierung, bei Projekten, die immer von derselben Firma initiiert würden. Deren Name prangt auf einer riesigen Plane am Haus: GRK-Holding AG.

GRK – das ist Steffen Göpel (41), gelernter Bautischler und als Rennwagenfahrer letzter DDR-Meister. Früher schwärmte er von Boxenludern, heute von Steuersparimmobilien. Dieses Geschäft erfreut sich ungewohnter Aufmerksamkeit, seit bekannt wurde, dass Sachsens Verfassungsschützer eine Datensammlung über mutmaßlich korrupte Netzwerke in Leipzig angelegt haben. Darin spielen Bauunternehmer eine Schlüsselrolle. Der Name von Göpel, in der Stadt als Immobilienkönig anerkannt, taucht darin nicht auf.

Dem GRK-Chef bescheren vorteilhaftere Verbindungen Schlagzeilen. Beim Opernball, TopEvent der Leipziger Society, plaudert er am Tisch mit Staatskanzleichef Hermann Winkler (CDU). Box-Promi Axel Schulz lädt er ein, um sich mit ihm auf der Geburtstagsgala für Dirigentenlegende Kurt Masur zu schmücken. Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) nennt er beim Vornamen. Bei dessen Party zum Wahlsieg – Jung: „Nur mit Familie und engsten Freunden“ – war Spender Göpel nebst Gattin unter 22 Auserwählten.

Inzwischen aber fragen nicht nur Szenekenner, wie der Quereinsteiger es so weit bringen konnte. Seine GRK-Gruppe mit gerade einmal 31 Mitarbeitern hat im vergangenen Jahr stolze 27 Millionen Euro umgesetzt. Seit Gründung Ende 1995 sanierte sie beeindruckende 130 000 Altbau-Quadratmeter und erwarb noch dazu 1000 Wohnungen auf Vorrat – weitgehend ohne Kredite. Obwohl die Branche, die Steuervorteile im Osten vornehmlich an zahlungskräftige Westdeutsche verkauft, als Geldmaschine gilt, ist dieser kometenhafte Aufstieg Beobachtern suspekt.

Ein Anonymus behauptet, dass Göpels Geschäftspraktiken jenseits des Legalen liegen. Am Monatsanfang erstattete er Strafanzeige wegen „Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung und Betrug gegen die Verantwortlichen“ der GRK. Göpels Anwalt weist den in der Anzeige dargestellten Sachverhalt als unrichtig zurück. Gut möglich, dass es sich dabei um die Verleumdung eines frustrierten Konkurrenten handelt. Gut möglich, dass die Ermittler gar keinen Anfangsverdacht feststellen. Vorsorglich reagierte das Regierungspräsidium Leipzig, es leitete die auch ihm zugegangene Anzeige an Finanzämter von GRK-Kunden weiter. Sachsens Innenministerium wiederum hat die Kommunalaufsicht gebeten, Geschäfte von Göpel „einer genaueren Prüfung zu unterziehen“.

Manche sind einfach nur schamlos. Anschauungsunterricht dafür bietet die mit russischer Hilfe in Angriff genommene Blochmannstraße. Laut GRK-Prospekt handelt es sich um ein „attraktives Ensemble“, umgeben von „verkehrsberuhigten Nebenstraßen“. Unerwähnt bleibt, dass gegenüber den einstigen Eisenbahnerquartieren alle Nase lang Züge über einen Bahndamm donnern.

Die fünf eher spartanischen 20er-Jahre-Bauten, großspurig Carré genannt, kaufte eine GRK Firma für 245 000 Euro. Den Endkunden berechnet das Unternehmen für diese Altbausubstanz mit Gründstück aber 850 000 Euro. Dank des Aufschlags von fast 250 Prozent verdient GRK schon gut 600 000 Euro, noch bevor die Bauarbeiter Hand anlegen. Die reinen Sanierungskosten, über die Steffen Göpel jede Auskunft verweigert, beziffern Fachleute mit maximal 700 Euro pro Quadratmeter. Der jedoch wurde in allen 39 Wohnungen für 1690 Euro an die Käufer gebracht. Überschlägig bleiben 2,4 Millionen Euro hängen – als Gewinn sowie für „weiche Kosten“ wie Konzeption, Marketing und Provisionen.

Die Verlockung des Steuervorteils schaltet bei Anlegern häufig den Verstand aus. Gier frisst Hirn, spotten Volkswirte. Das ist politisch gewollt. Seit der Wiedervereinigung spendierte der Staat Steuergeschenke in dreistelliger Milliardenhöhe – für prachtvolle Stadtkerne im Osten und eine illustre Branche. Denkmal-Abschreibung heißt seit 1999 deren Zauberwort. „Die letzte Steuerbastion“, sagt Göpel. Allein im Raum Leipzig wurden in den vergangenen sechs Jahren 620 Millionen Euro Sanierungskosten bescheinigt. Schätzungsweise 50 000 Privatinvestoren griffen zu. Selbst triste Erfahrungen der ersten Anlegergeneration bremsen die Nachfrage kaum: So manche Eigentumswohnung ist heute nicht einmal mehr die Hälfte ihres Kaufpreises wert.

Das Geld verschwindet nicht, es wechselt nur die Taschen. Unterwegs sind schillernde Figuren. So einer ist Georg Bitterwolf. Seine Bedeutung für Göpels Reich führt der von GRK gestellte S-KlasseDienstwagen vor Augen. Der Franke, Experte darin, skrupellos Immobilien in den Markt zu drücken, hat Anlegern schon mit drei selbst aufgelegten Wohnbaufonds ein Desaster bereitet. Mieteinnahmen blieben aus, Kredite liefen weiter. Gerichte stornierten einige der Haustürgeschäfte. Geschädigten-Sprecherin Barbara Schwarz kennt auch tragische Schicksale: „Das hat Ehen zerrüttet, es gab sogar Selbstmorde aus Verzweiflung.“

Zu einigem Ruhm brachte es Bitterwolf zunächst im Rotlichtmilieu. Er war beteiligt an Europas größtem Bordell, dem Kölner Pascha. Bei gleichnamigen Etablissements anderenorts mischte er ebenfalls mit. Göpel behauptet allen Ernstes, Bordellbeteiligungen seines Kompagnons seien ihm „nicht bekannt“.

Jedenfalls sind Bitterwolfs Engagements insgesamt undurchsichtig. Der Kaufmann musste Anfang 2006 das abgegeben, was früher Offenbarungseid hieß – eine eidesstattliche Versicherung über sein Vermögen. Den Wohnsitz verlegte er ins elsässische Schiltigheim. Zum Umzug nach Frankreich raten Anwälte Mandanten, die Gläubigern gelenkig ausweichen und ihre Privatinsolvenz zügig abwickeln wollen.

Der Neu-Franzose wird bemerkenswert oft in Leipzig gesehen, etwa im „La Romantica“ beim Italienisch-Dinieren mit Göpel. Bitterwolf verfügt noch immer über exzellente Kontakte zu Vertriebsfirmen. Dazu gehört die Telis Finanz AG, deren Vermittler schon seine windigen Immobilienfonds vertickten. Seit 2004 vertreibt eine Telis-Tochter die GRK-Ware. Etwa 130 Wohnungen für rund 17 Millionen Euro wurden seitdem an den Mann gebracht.

Ärger haben Telis-Kunden derzeit mit der Geldanlage Holsteinstraße 24 – ihren Finanzämtern wurde die anonyme Strafanzeige gegen GRK zugestellt. Der Vorwurf: Anders als von GRK garantiert, seien Wohnungen nicht Ende 2005, sondern erst Monate später bezugsfertig gewesen. Um die Käufer dennoch ab 2006 in den Genuss der Steuerabschreibung kommen zu lassen, die eigentlich erst im Jahr nach der Fertigstellung beginnen darf, sollen Dokumente fingiert worden sein. Die Käufer sollen bedrängt worden sein, diese zu unterschreiben. Der Anzeigenerstatter mit offenkundigem Insiderwissen schildert einen Fall detailliert und behauptet: „Nur einer von Hunderten bei der GRK-Holding AG.“

Dazu befragt, erklärt Göpels Anwalt, es sei „definitiv unrichtig“, dass GRK systematisch zugesagte Fertigstellungstermine nicht einhalte. Bei der Holsteinstraße sei „richtigerweise“ die Bezugsfertigkeit zum 31. Dezember 2005 „im steuerlichen Sinn“ festgestellt. Später wird die Auskunft relativiert. Nun werden „die Monate April beziehungsweise Mai“ als Fertigstellungstermine genannt. Trotzdem sei gegenüber den Finanzbehörden nichts Falsches angegeben worden. Nachfragen bleiben unbeantwortet.

Genaueres von GRK wüsste man gern auch über den Partner MS Generalbau GmbH & Co KG. Die Firma schaltete für Sanierungen im Leipziger Arbeiterviertel Plagwitz einen Alija Aljimovic ein. Der wiederum beauftragte etliche Handwerker. Von einem Tag auf den anderen verschwand Aljimovic auf Nimmerwiedersehen. Allein der Elektroinstallation Jürgen Reichelt blieb er rund 60 000 Euro schuldig. „Damit meine Firma das überlebt“, sagt der Geprellte, „musste ich meine gesamten persönlichen Ersparnisse auflösen.“

Taxifahrersohn Göpel, der sich vom Chauffeur kutschieren lässt und Tausende Flaschen edlen Weines in seinem Keller lagert, nimmt dazu nicht Stellung. Ein Weggefährte sagt: „Er benimmt sich wie ein typischer Emporkömmling.“ Diesen Eindruck konnten im Oktober 2004 auch Leipziger Polizisten gewinnen. Nach einer nächtlichen Begegnung mit dem alkoholisierten Firmenchef stellten sie Strafantrag. Die Staatsanwaltschaft will „keine Einzelheiten zu den verbalen Entgleisungen“ mitteilen. Göpel habe sich entschuldigt, sagt sein Anwalt: „Das Verfahren wurde gegen Zahlung eines Bußgeldes eingestellt.“

Einen guten Draht pflegt Göpel zur Wohnungsgesellschaft LWB. Dem Kommunalbetrieb, in den Verfassungsschutzakten als Brennpunkt der Leipziger Korruptionsaffäre beschrieben, kaufte er zuletzt ganze Straßenzüge ab. Schon 2005 bekam er für nur 200 000 Euro das bröckelnde, aber imposante Gründerzeithaus Oststraße 2. Es beherbergte einst die Schwanenapotheke, deren Inhaber schon früher am Kauf interessiert war. Von ihm jedoch hatte die LWB hartnäckig 960 000 Mark verlangt. Göpel pocht zusätzlich auf Fördermittel, die angeblich schon zugesagt sind. Alle seine Geschäfte mit der LWB werden jetzt geprüft. Oberbürgermeister Jung hielt das nicht davon ab, mit Göpel am Montag dieser Woche an einem exklusiven Empfang teilzunehmen.

Die Anfänge des Unternehmers führen in ein spezielles Biotop, den Fußballverein VfB Leipzig. Mitte der Neunzigerjahre saß Göpel im Aufsichtsrat des Kurzzeit-Bundesligisten, Präsident war Siegfried Axtmann. Der Nürnberger gilt als Grandseigneur der Leipziger Immobilienbranche. Noch vor der Währungsunion schwatzte er naiven Ostdeutschen Anteile an Wohnungsunternehmen ab, die als GmbH und AG die DDR überlebt hatten., Der Coup machte ihn damals zum größten privaten Vermieter der neuen Länder und zu einem reichen Mann., Aus seiner Leipzig West AG verabschiedete sich Axtmann Ende der Neunziger. Schulfreund Jürgen Schlögel übernahm – er soll mit der AG später 27 000 Anleger um mindestens 200 Millionen Euro geprellt haben. Wo das Geld blieb, weiß keiner.

Auch mit Göpel machte Axtmann Geschäfte, beide verbindet eine Freundschaft. Ein gemeinsames Projekt, die Paul-Heyse-Straße 14, zeigt exemplarisch, wie sich Abschreibungsprofis mästen können. Das Eckhaus kauften Göpel und Axtmann für 450 000 Mark. In einem Prospekt bezifferten sie den Kaufpreis für „den eventuellen Erwerb des Gesamtobjekts“ mit zunächst knapp 3,2 Millionen Mark. Merkwürdig: Nur eine Woche vor Unterzeichnung der Kaufverträge mit einem Zahnarzt, der Ende 2000 alle 16 Einheiten übernahm, wurde der Immobilienverwalter GVI eingeschaltet. Das nun machte die Sache richtig teuer, auch für den Fiskus.

GRK und Axtmann zahlten horrende 1,4 Millionen Mark an GVI. Dafür durfte die Mittlerfirma den Käufer benennen, ihm Kredite vermitteln und eine Mietgarantie geben. Auch „wirtschaftliche Bauträgerberatung“ stand im Leistungspaket – die indes laut Handelsregister nie Unternehmensgegenstand der GVI war. Statt 3,2 Millionen kostete das Objekt jetzt 4,2 Millionen Mark. Kurioserweise bescheinigte das Regierungspräsidium all das anstandslos als abschreibungsfähige Sanierungskosten. Der Vorgang illustriert, wie die Intention des Gesetzgebers, Baudenkmale vor dem Verfall zu retten, pervertiert wird. (...)
VON GRIT HARTMANN UND UWE MÜLLER

Karl Nolle im Webseitentest
der Landtagsabgeordneten: