Karl Nolle, MdL

Sächsische Zeitung, 28.09.1999

Stoff für Geschichten aus Wild Ost

Von Thomas Schade
 
Für Thomas Jurk ist das "der Stoff, aus dem die Geschichten vom Wilden Osten gemacht werden". Der neue SPD-Oppositionsführer im Landtag glaubt, die Gefangenenbefreiung vom Sonnabend in Torgau habe "gravierende Sicherheitslücken" im Justizvollzug aufgedeckt. Nun fordert er von Justizminister Steffen Heitmann (CDU) "umfassende Aufklärung". Die Opposition auf den Plan gerufen hat der 20-jährige Strafgefangene Maik Pawlikowski aus Leipzig. Er muss wegen schweren Raubes und gefährlicher Körperverletzung eine vierjährige Haftstrafe abbrummen. 2001 wäre sie um. Offenbar verletzte sich Maik Pawlikowski aber am Sonnabend selbst, so dass er von der JVA Torgau in das Haftkrankenhaus nach Leipzig-Meusdorf verlegt werden sollte. Um 20 Uhr, so die Polizei, verließ der Transport das Gefängnis. Was sich 25 Minuten später ereignete, sei "wie aus einem schlechten Krimi", so SPD-Politiker Jurk.

Auf der B 87 zwischen Doberschütz und Eilenburg kurz hinter einem Bahnübergang überholt ein Pkw, vermutlich ein weinroter Mitsubishi oder Mazda, den Transporter. Das Auto bremst scharf, so dass auch der Gefangenenwagen anhalten muss. Ein zweiter Pkw versperrt hinten den Weg. Zwei maskierte und bewaffnete Personen erzwingen von den beiden Justizbeamten den Schlüssel für den Verwahrraum. Sie befreien Maik Pawlikowski und nehmen seinen Bewacher als Geisel mit in das Fluchtauto. An der Neuen Messe in Leipzig lassen die Gangster den Justizbeamten frei.

Ein alter Zellenkumpel als Fluchthelfer?

Die Fluch war offenbar gut geplant. Seit gestern deutet sich an, dass ein ehemaliger Mithäftling seinem alten Zellenkumpel bei dem Ausbruch behilflich war. Denn gefahndet wird jetzt auch nach dem 33-jährigen Peter W. aus Leipzig. Er saß mit Pawlikowsi längere Zeit zusammen, wurde aber vor Monaten entlassen. Ob beide weiter Kontakt hatten, konnte die Polizeidirektion Torgau gestern nicht sagen. Drei Personen sollen an dem Überfall auf den Gefangenenwagen beteiligt gewesen sein. Jetzt wird bundesweit nach dem Flüchtigen mit kurzen hellbraunen Haaren und Brille gesucht.

Einmaliges Ganovenstück

Im sächsischen Justizministerium spricht man von einer bisher einmaligen Gefangenenbefreiung. Tatsächlich blieb der Freistaat im Gegensatz zu Brandenburg in jüngster Zeit von spektakulären Ausbrüchen aus Gefängnissen verschont. Im Jahr 1998 entwichen bei lediglich drei Ausbrüchen fünf Gefangene.

Alle fünf wurden wieder ergriffen. Trotzdem gelten Arzt- oder Gerichtsbesuche, Transporte und Aufenthalte außerhalb der Haftanstalten als besonders risikoreich. Dass ein Besuch in Sachsen für Ausbrecher durchaus verhängnisvoll enden kann, musste ein 29-Jähriger am Sonnabend fast zur selben Stunde erfahren, als das Ganovenstück auf der B 87 ablief. Der Mann war am 13. September aus der JVA Freiburg entflohen und mit einem gestohlenen Auto unterwegs. Eine Polizeistreife entdeckte den Mitsubishi an einer Tankstelle in Nünchritz. Der Ausbrecher konnte zunächst noch entwischen, raste aber dann während einer Verfolgungsjagd auf der Riesaer Elbbrücke gegen eine Mittelleitplanke und kam nicht mehr aus seinem Auto.

Karl Nolle im Webseitentest
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