Karl Nolle, MdL

Der Spiegel 5/2013, Seite 44, 28.01.2013

Im Schein der Grubenlampe - Vertrauliche Akten zeigen: Gleich zwei Geheimdienste hatten einen Neonazi im Visier, der sie zum Versteck der NSU-Zelle hätte führen können.

 
Der Panzerschütze André E. enttarnte sich bereits wenige Tage nach seinem Dienstantritt bei derBundeswehr. Der Wehrpflichtige war kaum eine Woche bei der Truppe, als man ihn ins Verhör nahm. Ob es stimme, dass er Anhänger rechtsextremen Gedankenguts sei, wollte der vernehmende Oberleutnant wissen. Ja, gab E. zu Protokoll, er „denke nationalsozialistisch“, sei „Skinhead aus der Arbeiterklasse“ und „gegen kriminelle Ausländer“. Außerdem habe er sich die Tätowierung „Blut und Ehre“ stechen lassen, da er „die militärische Leistung der SS bewundere“.

Dennoch kamen E.s Vorgesetzten im Panzeraufklärungsbataillon 13 offenbar keinerlei Bedenken, den Staatsfeind in Uniform an allerlei Waffen wie Sturmgewehr, MG und Panzerfaust ausbilden zu lassen. Anfang Februar 2000 wurde er zum Gefreiten befördert. Damals habe in der Bundeswehr die Sensibilität im Umgang mit solchen Fällen gefehlt, heißt es im Verteidigungsministerium.

Heute, 13 Jahre später, wirft die Bundesanwaltschaft dem Ex-Soldaten Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie Beihilfe zum Raub und zu versuchtem Mord vor. E. wird sich im Frühjahr neben Beate Zschäpe vor dem Oberlandesgericht in München verantworten müssen. Generalbundesanwalt Harald Range hält ihn für einen der wichtigsten Helfer der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Der 33-jährige Sachse soll für die NSU-Terroristen konspirative Wohnungen organisiert und Wohnmobile angemietet haben, die bei Raubüberfällen und einem Sprengstoffanschlag zum Einsatz kamen.

Bislang macht E. gegenüber den Ermittlern keine Angaben; auch seine Verteidiger Herbert Hedrich und Michael Kaiser wollen sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Doch so schweigsam war E. nicht immer. Aus Akten des Militärischen Abschirmdienstes (MAD) geht hervor, dass er sich am 16. Februar 2000 vom MAD ausgiebig zu seinen Aktivitäten in der rechten Szene befragen ließ.

In dem Gespräch zeigte E. bereitwillig seine Tattoos, räumte den Besuch von Nazi-Konzerten ein und schilderte seine Verehrung für das rechte Netz „Blood & Honour“. Über seine Kameraden wollte er allerdings nichts verraten, da er „andere nicht mit hineinziehen“ wolle. Dabei hätte E. viel zu berichten gehabt. Während er in „spannungsfreier Gesprächsatmosphäre“ dem MAD erzählte, dass der „Zuzug von Ausländern begrenzt“ werden müsse, er „von den Juden“ nicht „allzu viel“ halte und das „jetzige politische System ablehne“, planten die NSU-Terroristen offenbar bereits ihre ersten Anschläge – in einer konspirativen Wohnung in Chemnitz, die auf André E.s Namen angemietet worden war.
Rund ein halbes Jahr nach dem MAD-Gespräch beendete E. regulär seinen Wehrdienst. Im Dienstzeugnis wünschte ihm sein Kompaniechef „alles Gute, viel Glück und Erfolg“ für die Zukunft. Neun Tage später beging der NSU in Nürnberg seinen ersten Mord. Ob E. davon wusste, ist unklar.

Doch laut Anklage mietete er im Herbst 2000 ein Wohnmobil an, das Böhnhardt und Mundlos am 16. November 2000 für einen Raubüberfall in Chemnitz nutzten. Im Dezember desselben Jahres soll E. ein weiteres Fahrzeug gemietet haben, das der NSU für seinen ersten Sprengstoffanschlag in Köln verwendete.

Aber nicht nur der MAD kam der Terrorzelle offenbar näher als bislang bekannt. So observierte das sächsische Landesamt für Verfassungsschutz André E. in den Jahren 2002 und 2003 mindestens fünfmal. Und um ein Haar hätte die Behörde 2006 womöglich sogar den Unterschlupf der Terroristen finden können – kurz vor dem letzten NSU-Mord.

Laut Verfassungsschutzakten beobachtete ein Observationsteam, das damals in der sächsischen Kameradschaftsszene ermittelte, André E. noch Ende 2006, vom 5. bis zum 8. Dezember. Damals versteckte sich das NSU-Trio in einer Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße. Just während der Observation (Tarnname: „Grubenlampe“) kam es am 7. Dezember 2006 in dem Haus zu einem Wasserschaden. Vier Zeugen, so steht es in der Anklageschrift, hätten an diesem Tag Zschäpe, die unter falschem Namen im Erdgeschoss wohnte, gemeinsam mit André E. bei Aufräumarbeiten gesehen.

Im Protokoll der Aktion „Grubenlampe“ ist dagegen anderes zu lesen. Demnach war André E. bis 14.49 Uhr zu Hause und fuhr danach zu seiner Arbeitsstelle. Die habe er um 17.05 Uhr verlassen und sich „auf direktem Weg“ wieder heimbegeben – von einem Besuch in der Polenzstraße findet sich kein Wort.
Schlampten die Geheimdienstler also? Oder war André E. an jenem Tag tatsächlich nicht im Versteck der Terrorzelle?

Sicher ist, dass E. am 11. Januar 2007 bei der örtlichen Polizei erschien und eine Aussage zum Wasserschaden machte. Ja, gab er zu Protokoll, er sei zu dem Zeitpunkt in der Polenzstraße gewesen, in der Wohnung eines Freundes. Dort habe er den Schaden bemerkt, auch seine Ehefrau Susann sei später vorbeigekommen.

Die vermeintliche Gattin, die am selben Morgen vernommen wurde, bestätigte die Angaben ihres Begleiters. Niemandem fiel auf, dass das von ihr genannte Geburtsdatum, die Ausweisnummer und die Unterschrift nicht zur echten Susann E. passten. Heute sind sich die Ermittler sicher: Die Frau war Beate Zschäpe.
Vor dem riskanten Besuch bei der Polizei, so die Hypothese, muss sich André E. mit Zschäpe und deren Komplizen Böhnhardt und Mundlos abgesprochen haben. Konnte das dem Verfassungsschutz tatsächlich verborgen bleiben?

Kurz nach dem Wasserschaden wurde die Operation „Grubenlampe“ ergebnislos beendet. Ausgerechnet an jenem Tag, an dem Zschäpe mit André E. zum Polizeiverhör aufbrach, setzte ein Beamter einen Abschlussvermerk unter das Observationsprotokoll: „Einschlägige Informationen“ zur Zielperson hätten „nicht bestätigt“ werden können.

Maik Baumgärtner, Sven Röbel, Holger Stark