Karl Nolle, MdL

welt.de, 11:29 Uhr, 25.12.2014

Demografie: Sinkende Produktivität alter Arbeiter? Ein Mythos!

 
Entwarnung beim demografischen Wandel: Alternde Gesellschaften können laut Ökonomen hochproduktiv sein, sie sind sogar wichtig für Innovationen. Niedrige Geburtenraten müssen nicht nur negativ sein. Von Sabine Menkens

Sinkende Produktivität alter Arbeiter? Ein Mythos!

Was haben wir nicht alles hören und lesen müssen. Von vergnügungssüchtigen Alten (Link: http://www.welt.de/134658040) , die die Jungen so lange vor den Arbeitskarren spannen, bis diese blutleer und ausgelaugt die Segel streichen. Die bei den Wahlen fröhlich die belohnen, die Wohltaten im Heute und eine satte Rente (Link: http://www.welt.de/themen/rente/) versprechen – denn das Morgen ist ungewiss, und ausbaden müssen es ohnehin andere. Von einer Republik der Grauköpfe, vergreist, erstarrt, innovationsarm. Von kinderfreien Zonen und Gettos für die letzten verbleibenden Familien. Ein gerontokratisches Komplott.

Wie wenig diese Horrorszenarien mit der Realität zu tun haben, belegte erst kürzlich eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Ausgerechnet die viel gescholtene ältere Generation, in der viele stabil in einer politischen Weltanschauung verankert seien, so die Autoren, "entscheide politisch langfristiger und damit zukunftsorientierter als die Jüngeren".

Dass die Jungen mit Blick auf ihren langfristigen Lebenshorizont politische Abwägungen mit einer größeren Zukunftsorientierung vornähmen, sei ein "Trugschluss". Im Gegenteil: Gerade junge Eltern gehörten zu den größten politischen Egoisten. "Hier folgen politische Abwägungen eher den konkreten eigenen Bedürfnissen im Hier und Jetzt." Eindrücklicher können Vorurteile wohl kaum widerlegt werden.

Die Abrüstung im angeblichen Kampf der Generationen ist dringend nötig, denn auch die Wissenschaft zeichnet längst kein einheitliches Schwarz-Weiß-Gemälde mehr, wenn es um die Chancen und Risiken älter werdender Gesellschaften geht. Alfonso Sousa-Poza von der Universität Hohenheim ist einer der führenden Experten auf dem Gebiet der noch jungen "Economics of Ageing", zusammen mit seinen Kollegen Uwe Sunde von der Universität München und David E. Bloom von der Harvard University gründete er vor zwei Jahren die Fachzeitschrift "The Journal of the Economics of Ageing". Sie beleuchtet vor allem die ökonomischen Aspekte der alternden Gesellschaft und deren Implikationen für die Wirtschaft.

Erfahrung ist ein großer Vorteil auf dem Arbeitsmarkt

Und die sind gar nicht so düster, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Gerade das Thema Produktivität im Alter sei ein großes Forschungsfeld, sagt Sousa-Poza: "Die pauschalen Angriffe auf die angeblich abnehmende Produktivität alternder Gesellschaften kann man so nicht stehen lassen. Es gibt auch produktivitätsrelevante Fähigkeiten, die im Alter zunehmen: die Erfahrung zum Beispiel."

Ältere Arbeitnehmer arbeiteten einfach anders als jüngere, ergänzt Axel Börsch-Supan, Direktor des Munich Center for the Economics of Aging. "Sie machen mehr kleine, aber deutlich weniger große Fehler, sind langsamer, aber umsichtiger, haben weniger neue Ideen, aber mehr Erfahrung, wie man neue Ideen umsetzt." Sousa-Poza: "Insofern ist es ein Mythos, dass die Produktivität alternder Gesellschaft zwangsläufig abnimmt."

Im Gegenteil: Niedrige Geburtenraten könnten sogar positive Aspekte haben. Studien aus den USA belegten, dass in kleineren Familien mehr Geld pro Kopf in Bildung und Ausbildung investiert werde. "Diese zweite demografische Dividende führt zu einer messbaren Produktivitätssteigerung der Wirtschaft." Anderes gelte allerdings für die Innovationskraft. Gemessen an der Zahl der Patentanmeldungen haben jüngere Gesellschaften tatsächlich einen Innovationsvorteil gegenüber älteren. Erfindungsreichtum ist offenbar eher eine Domäne der Jugend. "Die meisten Patente werden von Jüngeren angemeldet", sagt Sousa-Poza.

Über das "lebenslange Lernen" weiß man noch wenig

Für umso wichtiger erachten es die Altersökonomen, dass endlich angemessen über die Frage der lebenslangen Weiterbildung diskutiert wird. In einer Gesellschaft, in der die Jungen erwarten könnten, dass sie gute Chancen haben, 100 Jahre alt zu werden, und ein Renteneintritt mit 65 immer unwahrscheinlicher wird, gewinne dieser Bereich zunehmend an Bedeutung, heißt es in einem Thesenpapier der Forscher. "Nur durch fortlaufende Ausbildung neuer Fertigkeiten können Produktivität und wirtschaftliches Wachstum in einer alternden Gesellschaft aufrechterhalten werden."

Doch obwohl das Schlagwort "lebenslanges Lernen" seit Jahren in aller Munde sei, sei noch viel zu wenig darüber bekannt, wie Lernstoff in hohem Alter vermittelt werden kann und was an neuen Inhalten überhaupt noch aufgenommen werden kann. "Das sind Fragen, die geklärt werden müssen, bevor sich lebenslanges Lernen organisieren lässt." Dazu müsse die Grundlagenforschung konsequent vorangetrieben und die Altersökonomie zu einem Forschungsgebiet von nationalem Interesse erklärt werden, fordern die Wissenschaftler.

Einen Mythos wollen Altersökonomen wie Sousa-Poza übrigens am liebsten ganz schnell beerdigen: den von der drohenden Zunahme des Generationenkonfliktes. Gerade in lebendigen direkten Demokratien wie der Schweiz zeige sich in Volksabstimmungen immer wieder, dass Projekte von gesamtgesellschaftlichem Interesse wie kostenträchtige Schulreformen von Jung und Alt gleichermaßen befürwortet würden – und die Älteren eben nicht nur ihre eigenen kurzfristigen Interessen im Blick haben.

"Der Durchschnittsbürger weiß sehr gut zwischen Eigennutz und Gemeinwohl zu unterscheiden." Auch Axel Börsch-Supan hat keinen Beleg für einen wachsenden Generationenkonflikt gefunden. "Die Evidenz in Europa spricht dem entgegen: Auch in Gegenden mit vielen älteren Menschen ist der Generationenzusammenhalt etwa durch finanzielle oder zeitliche Hilfe groß."

Einwanderung ist nicht das Allheilmittel

Beim Blick auf das Rentensystem sei ein Umdenken allerdings unvermeidlich. "Das System muss umgebaut werden, und die Anpassungen werden beide Seiten treffen – sei es durch die Erhöhung der Beiträge, die Senkung der Leistungen oder eine höhere Lebensarbeitszeit", sagt Sousa-Poza. Differenzierter stelle sich die Lage im Gesundheitssystem dar.

Eine Reihe von Studien habe ergeben, dass die Ausgaben nicht primär mit dem Alter zusammenhingen, sondern sehr stark von den Ausgaben in den letzten sechs Monaten des Lebens abhingen – egal, ob der kranke Mensch dann 70 oder 80 Jahre alt ist. "Insofern ist auch dieser Konflikt zu relativieren."

Nur in einem Punkt ist Sousa-Poza durchaus pessimistisch: dass Einwanderung das Allheilmittel zur Lösung der Probleme alternder Gesellschaften ist. Schließlich sei die Zuwanderung hoch qualifizierter Fachkräfte für alle OECD-Länder wichtig. "Letztlich ist das Werben um die Topleute ein Nullsummenspiel, weil wir uns gegenseitig kannibalisieren."