Karl Nolle, MdL

Sächsische Zeitung, 11.06.2001

Roßberg: "Es ist unglaublich"

Ingolf Roßberg stößt mit Sekt auf Überraschungs-Ergebnis an / CDU sagt Wahlparty ab
 
Die OB-Wahl ging gestern mit einem überraschenden Vorsprung von Ingolf Roßberg vor Herbert Wagner aus. Trotzdem erreichte kein Kandidat die absolute Mehrheit. Damit müssen die Dresdner am 24. Juni erneut an die Urnen.

CDU-Fraktionschef Michael Grötsch gibt sich kurz nach 18 Uhr noch völlig siegeszuversichtlich. Um zwei Flaschen Schampus habe er gerade gewettet - eine mit PDS-Stadträtin Christine Ostrowski, dass Herbert Wagner schon im ersten Wahlgang über 50 Prozent komme. Und eine mit SPD-Fraktionschef Andreas Herrmann, dass Ingolf Roßberg unter 45,1 Prozent liege.

Bis 18.30 Uhr versammeln sich etwa 300 Politiker, Verwaltungs- und Wirtschaftsleute und auch ein paar Bürger im Plenarsaal des Rathauses. "Ich will Wagner und Roßberg leibhaftig sehen", sagt Rentner Werner Thiele. Dann könne er beide fragen, wann endlich an der Tiefgarage Wiener Platz weitergebaut werde. Alles starrt gebannt auf drei Monitore, über die gleich die ersten Wahlergebnisse flimmern sollen. Die Luft im Saal scheint zu knistern, denn diesmal ist bis zuletzt alles offen. Einige halten sich an einem Glas Freibier oder Saft fest. Andere unterhalten sich kopfschüttelnd über die niedrige Wahlbeteiligung, die als Prognose schon die Runde macht. "Für mich ist das Politikverdrossenheit und unbewusste Ablehnung", sagt OB-Kandidatin Friederike Beier, die mit lila Schal und wallendem Kleid an einem Stehtisch lehnt. "Ein Zeichen, dass viele gar nicht mehr wissen, was ein OB in einer Stadt bewegen kann", sagt Grünen-Stadträtin Eva Jähnigen.

Plötzlich kursiert das Gerücht, dass Roßberg vor Wagner liegt. Jemand soll die Werte aus dem Internet telefonisch übermittelt bekommen haben. Ungläubiges Abwinken. Auf den von Fotografen umlagerten Bildschirmen prangt immer noch das Stadt-Wappen. "Das spricht nicht für die Technik, sondern für einen Wechsel", stichelt Roßbergs Wahlmanager Werner Becker. Dann lautes Gejohle. Die Bestätigung: Bürgerinitiativ-Mann Roßberg liegt nach der Auszählung in den ersten Wahllokalen bei 47,2 Prozent, CDU-Amtsinhaber Wagner bei 42,5, Friederike Beier bei 8,8 und Ronald Galle bei 1,6 Prozent. Erste Handy-Anrufe: "Wir haben's , wir haben's !" CDU-Stadträtin Angela Malberg schlafen die Gesichtszüge ein. "Das halt' ich nicht aus!" CDU-Kollege Grötsch beruhigt: "Die Sache ist noch nicht gelaufen."

Trotzdem geben die Vertreter von Roßbergs Bürgerinitiative erste Sieger-Statements ab. "Wenn ein Amtsinhaber nach elf Jahren in einer CDU-Hochburg ein derart schlechtes Ergebnis einfährt, bedeutet das eine katastrophale Niederlage", sagt Sprecher Dietrich Herrmann. "Er bekommt die Quittung für seine gestaltungsarme Politik." SPD-Mann René Vits nennt es bemerkenswert, dass erstmals in Deutschland ein Kandidat sämtliche Oppositionsparteien hinter sich vereine. "Ich könnte alle umarmen", ruft PDS-Stadträtin Ostrowski. "Die saturierte Selbstzufriedenheit der CDU bekam endlich einen Dämpfer."

Gegen 19.15 Uhr treffen Roßberg und seine Frau unter Jubelrufen im Rathaus ein. Dankesworte an die Wähler. "Es ist unglaublich", sagt der 40-jährige Herausforderer. "Für mich heißt die Botschaft des Abends, dass sich die Dresdner nicht länger über ihre Köpfe hinweg regieren lassen wollen." Nun rufe er alle auf, am 24. Juni erneut zur Wahl zu gehen und für einen Politik-Wechsel in der Stadt zu sorgen.

Inzwischen haben sich viele CDU-Fans zurückgezogen. Im Fraktionszimmer eine Treppe höher mag die Bockwurst keinem mehr so richtig schmecken. "Ich bin enttäuscht und überrascht", sagt CDU-Kreischef Dieter Reinfried. "Offenbar wollen viele nach elf Jahren nur den Wechsel. Wagner fällt in den Rücken, was sich auf CDU-Bundesebene und rings um die Schevenstraße abgespielte." CDU-Stadtrat Grapatin wirft die Flinte nicht ins Korn: "Uns bleiben zwei Wochen, um zu zeigen, wie gut sich Dresden mit Wagner entwickelte", sagt er.

"Berghofer soll sich zum Teufel scheren"

Ähnlich äußert sich der Amtsinhaber, der 19.30 Uhr in den Plenarsaal tritt. Sein Statement wirkt einstudiert. "Die Umfragen waren zu günstig für mich, sodass sich viele zu sicher fühlten", sagt er. "Ich will jetzt das CDU-Lager mobilisieren und werde um den Wahlsieg kämpfen." Ob ihm Biedenkopfs "Schrott-aus-Wuppertal-Auftritt" auf der Prager Straße geschadet habe, mag Wagner nicht kommentieren.

Vor dem Plenarsaal, an der Seite, steht OB-Kandidatin Beier. "Ich hatte nur mit fünf Prozent gerechnet, konnte wohl aber den Nerv der Dresdner treffen", sagt die 57-jährige Ärztin, die einen Achtungserfolg errang. Ob sie im zweiten Wahlgang zurücktrete, wolle sie am Montag entscheiden. Ausschlaggebend dafür sei, ob jemand ihr Bürgerprogramm übernehme.

Der virtuelle Kandidat Wolfgang Berghofer und seine Ankündigung, im zweiten Wahlgang anzutreten, waren nur am Rande Thema. "Mir ist er egal", sagt Amtsinhaber Wagner. PDS-Frau Ostrowski: "Der soll sich zum Teufel scheren." Bei der Bürgerinitiative knallen in der Nacht die Sektkorken. Die CDU bläst ihre Wahlparty kurzerhand ab.
(Von Katrin Saft)