Karl Nolle, MdL

DNN, 15.06.2001

"Sorglose Wahlkampfführung der CDU"

Politikwissenschaftler Patzelt traut Berghofer mehr als ein Viertel der Roßberg-Stimmen zu
 
DRESDEN. TU-Professor Werner J. Patzelt, CDU-Mitglied und PDS-Festredner, gilt als einer der führenden Parlamentarismusforscher und beobachtet seit Jahren die Dresdner Politik.

DNN: Aus dem Duell ist ein Dreikampf geworden. Was erwarten Sie für den zweiten Wahlgang?

Werner J. Patzelt: Die Karten werden völlig neu gemischt. Berghofer wird aus drei Bereichen Stimmen ziehen können: bei Roßberg-Wählern, bei den Nichtwählern und aus dem CDU-Lager.

DNN: In welcher Größenordnung denn?

Werner J. Patzelt: Aus dem Bauch heraus würde ich Berghofer ein Viertel bis ein Drittel der Roßberg-Stimmen zutrauen.

DNN: Dazu müssten Roßberg aber viele PDS-Wähler verlassen, trotz der Aufforderung der Parteispitze, ihn weiter zu wählen.

Werner J. Patzelt: Das sagt die Parteispitze. Doch manchem PDS-Wähler ist es bei aller Parteiloyalität nicht zu vermitteln, dass er für ein FDP-Mitglied stimmen soll.

DNN: Aber Berghofer müsste diese Wähler doch vergrätzt haben, als er im Mai nicht der Kandidat der PDS sein wollte und das Handtuch warf.

Werner J. Patzelt: Das hängt davon ab, wie Berghofer in den nächsten Tagen argumentiert. Er hat gute Chancen, sich zu einer Identifikationsfigur für jene zu machen, die aufrichtig die DDR unterstützten und auch im neuen System erfolgreich sein wollen.

DNN: Wie viele Stimmen kann er denn Herbert Wagner wegnehmen?

Werner J. Patzelt: Vielleicht wieder aus dem Bauch heraus: zehn Prozent, die weiter den bisherigen Kurs wollen, aber tatkräftiger und sozusagen mit Berghofer als dem besten Wagner aller Zeiten. Das setzt aber voraus, dass die Kandidatur ernsthaft gemeint ist.

DNN: Glauben Sie das nicht?

Werner J. Patzelt: Es liegt der Gedanke durchaus nicht fern, dass es sich um einen Entlastungsangriff zu Gunsten der CDU handelt.

DNN: Die CDU ist noch immer bestürzt über das Wahlergebnis. Kommt das wirklich so überraschend?

Werner J. Patzelt: Wenn man sich nicht nur die jüngsten Umfragen anschaut, sondern auch frühere, muss man von einer völlig sorglosen Wahlkampfführung der CDU sprechen. Die Union hat alle Warnungen in den Wind geschlagen, dass die Sache schief gehen kann.

(Stefan Alberti)