Karl Nolle, MdL

DNN, 28.07.1999

Promi-Tanz um gläserne VW-Fabrik

Mehr als 400 Gäste bei Grundsteinlegung für Luxusauto-Schmiede / Kanzler: Idee für Ma
 
DRESDEN. Alles sollte transparent sein, durchsichtig wie Glas. Ganz im Stile der "Gläsernen Manufaktur". Das transparente Festprogramm, die gläserne Kapsel für die Dokumente des Grundsteins und die transparente CD mit der eigens für das ungewöhnliche Auto-Werk geprägten Titelmusik: "Uns're Welt scheint so zerbrechlich wie ein Monument aus Glas erbaut von einer Sehnsucht, die das Träumen nie vergaß, erbaut von einer Sehnsucht, schlägt hier ihr Herz aus Glas", sangen die beiden Solisten zum Abschluß der Mega-Fete die eigens entworfene Manufaktur-Hymne vor mehr als 400 Gästen.
In der ersten Reihe: Bundeskanzler Gerhard Schröder, sichtlich erfreut über das Top-Ereignis an der Seite seines Freundes, VW-Chef Ferdinand Piëch, daneben Sachsens Ministerpräsidenten-Paar Biedenkopf.
Gemeinsam erlebten sie eine riesige Show, musikalisch weit gespannt zwischen Bach und Rock-Pop, mit Performance-Künstler und Kinderchor. Ein opulenter symbolischer Auftakt für eine der größten Investitionen Dresdens, den rund 365 Millionen teuren Glaspalast von VW, mit dem der Konzern den Einstieg in die automobile Oberklasse zelebrieren will.
Und dabei lüftete der Bundeskanzler, bis vor kurzem noch Aufsichtsratsmitglied des Wolfsburger Konzerns, auch noch ein kleines Geheimnis: VW-Chef Piëch selbst habe die Idee gehabt, in Dresden eine "Gläserne Manufaktur" zu bauen. "Und ich muß zugeben, diese Idee ist damals im Aufsichtsrat mit ein bißchen Begeisterung aufgegriffen worden", erinnerte sich Schröder lächelnd. "Und wir haben schnell begriffen, daß gerade hier in Dresden die Symbiose aus industrieller Produktion und Kultur gelingen kann."
Ein dickes Lob des Landesvaters gab es auch für Dresdens OB Herbert Wagner (CDU). "Ohne Ihren Einsatz hätte sich dieses Projekt nicht durchsetzen können", dankte Kurt Biedenkopf seinem Parteifreund. Die Manufaktur sei nicht nur ein städtebauliches, sondern auch "ein automobilbauliches Ereignis". Und dann kurz zum langen Ansiedlungsstreit um das VW-Werk: Es tauche eben immer wieder mal die Frage auf, wie sich das Barockensemble, die Geschichte und kulturelle Würde dieser Stadt mit zukunftsweisenden Technologien und ihren Gesetzmäßigkeiten verbinden lasse. "Wagnis oder Provokation, diese Frage hat auch die gläserne Manufaktur aufgeworfen", sinnierte der Ministerpräsident. "Doch Dresden ist der richtige Ort für eine harmonische Verbindung von Vergangenheit und Zukunft."
Der Leizpiger Performance-Künstler Jo Herz setzte diese Harmonie denn auch künstlerisch um. An Ketten befestigt schwebte ein gläserner Quader herab, Rauch schoß aus dem Boden. Dann machte sich Herz ans Werk, suchte sich im rhythmischen Wechsel der Musik die Farben aus dem "Patronengürtel" um seine Hüften. Das Dresdner Stadtwappen, das VW-Logo gegenüber, die Silhouette Dresdens und die "Gläserne Manufaktur" zauberte er binnen zehn Minuten auf die zerbrechlichen Glaswände.
Per Knopfdruck entschwand dann der Grundstein, umhüllt vom gerade geschaffenen gläsernen Kunstwerk in das Erdreich des alten Messegeländes. Darüber wird in wenigen Monaten schon die große Erlebniswelt des Autokonzerns entstehen. Ein Restaurant, eine Kunstgalerie und ein 360-Grad-Kino, das VWs weitere automobile Visionen zeigen soll. Gleich nebenan die gläserne Vitrine, der 40 Meter hohe Turm, in dem rund 200 fertige Luxus-Limousinen auf die eigens angereiste Nobel-Kundschaft warten dürfen.
Troika bei der Grundsteinlegung: Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und VW-Chef Ferdinand Piëch legten gemeinsam Hand an.
Einer der Väter des gläsernen VW-Werkes am Straßburger Platz: Der Dresdner Architekt Gunter Henn präsentierte und erklärte gestern noch einmal den interessierten Festgästen Idee und Modell des Glaspalastes für seine Heimatstadt.
Selbst beim Buffet setzten die Macher des gläsernen VW-Werkes ganz auf Transparenz: Das Firmenlogo schmolz jedoch in der drückenden Schwüle des Festzeltes schnell dahin. Mehr als 300 Ehrengäste und 130 Journalisten kamen zur Schlacht am warm-kalten Festtags-Buffet.
Geschafft - nach langem Ringen und vielen Unsicherheiten konnte VW gestern am Straßburger Platz feierlich den Grundstein für die "Gläserne Manufaktur" legen. Der Leipziger Performance-Künstler Jo Herz gab dem gläsernen Sockel für den Stein den letzten Anstrich.

So soll die VW-Güterstraßenbahn durch Dresden rollen
VW-blau wird sie sein, etwa 65 Meter lang und der postgelben Dresdner Straßenbahn doch sehr ähnlich - gerade rechtzeitig zur feierlichen Grundsteinlegung ist jetzt das erste Modell der VW-Güterstraßenbahn fertig geworden. Quer durch die Innenstadt - und das ist bisher einzigartig in Europa - soll die Teileanlieferung für das Auto-Werk auf dem vorhandenen Straßenbahnnetz erfolgen. Alle drei Minuten wird der blaue Super-Flitzer mit
VW-Werbe-Aufschrift und Logo ab Frühjahr 2001 durch Dresdens Innenstadt fahren. Täglich knapp 45 Bahnen sollen zwischen dem Logistikzentrum in Friedrichstadt und dem Straßburger Platz hin- und her- pendeln. Geplant ist die Strecke über die Cottaer, die Löbtauer Straße, dann über die Schäfer-/Schweriner Straße, über den Postplatz, die Wilsdruffer Straße, den Pirnaischen Platz, die Grunaer Straße, den Straßburger Platz bis hin zur Stübelallee. Europaweit ist derzeit der Bau der Sonder-Straßenbahn ausgeschrieben. "Anfang kommender Woche erwarten wir die schriftliche Absichtserklärung von VW, uns alle notwendigen Arbeiten für die Realisierung, Inbetriebnahme und Wartung der Güterstraßenbahn zu übertragen, erklärte gestern Frank Müller-Eberstein, Vorstandschef der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) gegenüber DNN. Bis Ende August sollen dann alle Verträge unter Dach und Fach sein. (abi)

° Kunst am Bau: Eine knapp fünf Meter hohe, zwei Meter breite Edelstahl-Konstruktion mit riesigem VW-Emblem, angestrahlt und rechts- oder linksdrehend je nach Wunsch, soll nach der Vorstellung des Designer-Büros "Formguß Dresden" bald das Grundstück der VW-Manufaktur zieren. Weitere Variationsmöglichkeiten des Kunstwerks: Es ist auch als Pokal für Sportler-Ehrungen, als Geschenk-Miniatur für Auto-Käufer oder gar als Briefbeschwerer für Promis zu verwenden.

° Ganz (fraktions-)zwanglos:
PDS-intern soll es eine Aufforderung gegeben haben, nicht an der Feierstunde teilzunehmen. Trotzdem gesichtet: PDS-Stadträtin Barbara Lässig. "Ich lasse mir da doch nichts vorschreiben" - und übergab an den VW-Chef einen Brief mit der Bitte um Hilfe für ihren Skater-Park.

° Parteifreund gesucht: "Wo ist denn mein Freund Schommer", hielt Ex-Umweltminister Arnold Vaatz (CDU) gestern lautstark nach dem Wirtschaftsminister Ausschau. "Der kann doch immer so schön lächeln," grinste Vaatz.

° Baum-Freunde: Drei PDS-Stadträte demonstrierten gegen die geplante Baumfäll-Aktion in der Lennéstraße. Die Verbreiterung der Straße kostet dort knapp 30 Baum-Leben. "Dieser Baum stirbt für VW", hefteten die PDS-Demonstranten daraufhin dem Todeskandidaten ein Schild auf die Rinde.

° Alte VW-Bekannte: Auch sie fehlte nicht: Helga Burkhart, Initiatorin des Bürgerbegehrens "VW Ja, aber nicht am Großen Garten" kam im Schlepptau mit einem Ehrengast bis vor das Festzelt. Bevor sie sich freiwillig-friedlich wieder zurückzog, überreichte sie ein Schreiben an VW-Chef Piëch. "Wenn Sie am Straßburger Platz ein wunderschönes, kulturvolles Ausstellungsgelände für Dresden neu erstehen lassen, dann werden sie Dankschreiben von vielen Dresdner bekommen", heißt es darin. - Wird wohl jetzt nichts mehr... (abi)

Von Hemdsärmeln und Händedrücken - Mal abgeschirmt, mal in der Menge badend: Des Kanzlers zwei Auftritte in Dresden
Er hat nicht den berühmten Doppelhänder Bill Clintons - mit rechts die Hand ergreifen, mit links den Unterarm fassen -, er schüttelt Hände konventionell, einhändig. Doch auch Gerhard Schröder, der Bundeskanzler, scheint gern in der Menge zu baden. Zumindest an diesem heißen Nachmittag in Striesen, hemdsärmlig, mit schwarz-grüner Krawatte und gut gebräunt am verschrammten Holztisch sitzend, umringt wie von Fans beim Popkonzert.
Drucker Karl Nolle, sein alter Juso-Kumpel, und die sächsische SPD haben ihn zu diesem Sommerfest in Nolles Betrieb eingeladen, nur wenige Kilometer vom VW-Festzelt. Nolle hat ihn durch seine Druckerei geführt, ihn mit Details über Druckverfahren überschüttet. Geredet hat er, genau wie zuvor SPD-Landeschef Karl-Heinz Kunckel und Nolle - über den er erzählt, daß der ihn zu ihren wilden Juso-Zeiten in den 60ern von links kritisiert habe.
Und nun gibt er am Biertisch Autogramme, läßt sich von Nolle Bier holen, bekommt von alten Damen alles Gute versichert. Hemdsärmlig sticht er hervor aus seinem Umfeld drahtiger junger Leute in makellosem Anzug. Für sie, die Personenschützer vom Bundeskriminalamt, sind solche Massenbäder Horror, wie eine seiner Leibwächterinnen bestätigt.
So locker hat er sich Stunden zuvor bei VW am Straßburger Platz nicht gegeben, auch wenn es dort ähnlich heiß war. Da ist er nicht der Kanzler für die Menge, da legt er abgeschirmt von ihr mit Honoratioren und VW-Spitze den Grundstein für die Nobelkarossen-Fabrik. Sie sind unzufrieden, die Menschen vor dem abgesperrten Zugang zu Baustelle und Festzelt. Drinnen hört man Reden und schmaust später vom Hilton-Buffet: VW, Stadträte, Bürgermeister, ein bißchen Prominenz, man ist unter sich. "Und wir müssen draußen bleiben. Das ist ein Skandal", sagt Anwohner Dieter Zeggel, der beileibe nicht wie ein Stänkerer und Krawallbruder ausschaut. Wie sein Nebenmann Klaus Kern hält er die VW-Fabrik für eine gute Sache - aber nicht, daß der ganze Festakt abgeschottet vor sich geht: "Da hätten die das gleich bei Biedenkopf im Dienstzimmer machen können." Sozialdezernent Klaus Deubel sieht das später ähnlich: Das könne Vorbehalte bestärken, VW sei eine elitäre Angelegenheit. Vielleicht lasse sich das beim Richtfest korrigieren.
Gisela Mohr wiederum, die einen Steinwurf von Nolles Druckhaus wohnt, wird den Kanzler in wärmster Erinnerung behalten. Getroffen hat sie ihn mit ihrer Nachbarin Renate Gaßan auf der Straße, auf seinem Weg zum Hubschrauber, kurz bevor er Dresden um kurz nach drei verläßt. "So, so habe ich ihm die Wange gestreichelt", sagt sie mit glänzenden Augen und fährt sich mit ihrer Hand zart über das Gesicht, als auf dem Sportplatz der SG Striesen schon die Rotoren anlaufen.
Der dunkelgrüne Helikopter vom Bundesgrenzschutz bringt den Kanzler mit Karl Nolle, Kunckel und Anhang zum nächsten Wahlkampfstopp nach Freiberg. Noch eine Betriebsbesichtigung, noch mehr Händeschütteln. Das hinterläßt auch ohne Clintonesken Doppelhänder bleibenden Eindruck: Die rechte Hand will Schröder-Grüßerin Renate Gaßan erstmal ungewaschen lassen - sagt sie jedenfalls.

"Auch für mich, bitte": Fast eine halbe Stunde lang schrieb Gerhard Schröder beim SPD-Sommerfest Grußworte auf seine Autogrammkarten.
(von Stefan Alberti)