Karl Nolle, MdL

Junge Welt, Leserbriefe, 16.12.2000

Das höchste aller Ziele, Dresdner PDS will OB Wagner abwählen

Leserbrief von. Michael Schrader, Stadtvorsitzender PDS Dresden
 
Versuch einer Klarstellung zum jW-Beitrag „Alternative: Dick oder Doof“ vom 13.12.2000

BERLIN/DRESDEN. Oberste Prämisse der Dresdner PDS für die Wahl im Juni nächsten Jahres war und ist, daß CDU-Oberbürgermeister Wagner abgelöst wird. Diesem Ziel ordnen wir alles unter. Und ich meine tatsächlich: alles. Das Seelenheil von Karl Nolle oder irgendeines anderen potentiellen Bewerbers – das gebe ich gern zu – hat für unsere Entscheidung, mit welchem Kandidaten wir ins Rennen gehen bzw. wen wir unterstützen, lediglich nachgeordnete Bedeutung. Unser wichtigstes Kriterium ist, wie chancenreich eine Bewerbung ist. Und da ist – peppige Rede im Landtag hin, Körpereinsatz her – Herr Nolle ein Leichtgewicht, übrigens auch, was seine kommunalpolitische Kompetenz betrifft. Die von jW zitierte Umfrage gibt ihm knapp elf Prozent im Vergleich zu Wagner, den aber gleichzeitig satte 60 Prozent vom OB-Stuhl weggewählt sehen wollen. Diese große Wechselbereitschaft ist ein Pfund, das die PDS nicht leichtfertig verspielen wird, indem sie eine aussichtslose Kandidatur befördert. Im übrigen: Jörg Stüdemann, der ehemalige Dezernent für Kultur und Jugend, wäre sowohl wegen seiner dezidiert linken Positionen als auch wegen seiner Parteilosigkeit der ideale Kandidat aller Parteien diesseits der CDU gewesen. Die Behauptung, die anderen Parteien wie der Betroffene hätten von diesem Vorschlag aus der Zeitung erfahren, was die Zusammenarbeit erschweren würde, ist eine Lüge. Wahr ist dagegen, daß die PDS von der Nominierung Nolles durch die SPD aus der Presse erfuhr, was merkwürdigerweise im jW-Artikel keine Erwähnung findet.
Ebenfalls frei erfunden ist die Behauptung, die PDS hätte Wolfgang Berghofer auf den Schild gehoben. Wir stehen nach wie vor in Verhandlungen mit der SPD und den Grünen über einen gemeinsamen Kandidaten und haben erklärt, daß wir im Falle des Scheiterns der Verhandlungen mit einem eigenen Kandidaten ins Rennen gehen. Allerdings scheint die Abwahl Wagners der SPD nicht so sehr am Herzen zu liegen wie uns: Die Zusage, im zweiten Wahlgang den Oppositionsbewerber zu unterstützen, der im ersten das beste Ergebnis erreichte, will sie bislang nicht geben.
Was Berghofer betrifft, so sehen wir ihn völlig emotionslos, nüchtern und pragmatisch: alle Umfragen belegen, daß er im Falle einer Kandidatur beste Aussichten hätte, Wagner zu schlagen. Distanz zur PDS hin, Lobgesang auf das Schwarzbuch des Kommunismus her – die Wähler trauen ihm offensichtlich zu, die Stadt zu regieren. Das er nur eine Chance mit einem Kontrastprogramm zu Wagner hätte, liegt wohl auf der Hand. Von ihm sind übrigens keine Plakate bekannt, auf denen zu lesen war: „Danke Gerd, Danke Joschka...“. Solche Plakate wurden von Karl Nolle im Kommunalwahlkampf 1999 geklebt, kurz nach Beendigung des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges der NATO gegen Jugoslawien.
(Michael Schrader, Stadtvorsitzender der PDS Dresden)

Kommentar: M. Schraders unpolitischer Lobgesang auf Berghofer spricht für sich. Leider hat er und der übrige Stadtvorstand bisher versäumt, sich dafür ein Mandat von seiner Dresdner PDS-Parteibasis einzuholen, die das nicht so widerspruchsfrei sieht. Dies gilt auch für die laute Dauerfunktionärin Christine Ostrowski. Man hat auch dort vorsichtshalber die Basis noch nicht gefragt. Zwischenzeitlich werden allerdings kritische Zuschriften von PDS Mitgliedern an das Dresdner PDS-Blättl nach alter Methode rauszensiert. Nicht sehr souverän der Vorstand - oder?
Mein Plakat "Danke Gerd, Danke Joschka" war ein Dank zur Beendigung des Krieges. Der Stop dieses Krieges war doch wohl ein Grund zu danken, oder nicht?
(KARL NOLLE)