Karl Nolle, MdL

Berliner Kurier, Seite 38, 16.11.2012

Bittere Tränen im Sachsensumpf-Prozess Zwangsprostituierte muss ihren Zuhälter wiedersehen

 
Dresden - Mandy Kopp ist eine hübsche Frau. Sie trägt die blonden Haare halblang, eine weiße Brille. Die Bluse ist hoch geschlagen, der Rock geht bis über die Knie. 35 ist sie. Doch ihre Vergangenheit ist grau und düster. Vor fast 20 Jahren musste sie in einem Bordell anschaffen. Mit gerade 16. Heute sitzt sie zusammen mit Leidensgefährtin Beatrix E. wegen Verleumdung auf der Anklagebank - weil die beiden Ex-Zwangsprostituierten recht prominente Freier wiedererkannt hatten. Verkehrte Welt in Sachsen ...

Raum 1.18, gestern 10.30 Uhr im Amtsgericht Dresden. Die zwei Frauen wirken inzwischen gefasst. Eben noch haben sie zitternd und weinend den Raum verlassen. Sie haben erstmals einen ihrer Peiniger wiedergesehen: Michael W., Ex-Bordellchef. 50 ist er heute, macht eine Umschulung zum Berufskraftfahrer. Ein bulliger Typ mit Stiernacken, rotem Kopf und Sachsen-Slang.

W. ist als Zeuge geladen. Darauf pocht er. 1992 hat er Mandy Kopp und Beatrix E. in sein Leipziger Bordell "Jasmin" geholt. Sie sagen, er habe sie eingesperrt, misshandelt. Er bestreitet das gestern, die beiden seien freiwillig da gewesen. Mandy Kopp schüttelt weinend mit dem Kopf. Sie sagt später: "Es war schlimm, ihn zu sehen." Alles sei wieder hoch gekommen

Die junge Frau, die heute mit ihrem Freund in der Nähe von Koblenz wohnt, wirkt labil. Traumatisiert. Bis heute. Sie gibt zu, dass sie immer noch von Albträumen verfolgt wird. Dass sie die Zeit im Bordell nicht vergessen kann. Und auch der Prozess jetzt ist für sie schwer belastend. Vom Opfer zur Angeklagten zu werden, das hätte sie nie für möglich gehalten. Cathrin Schauer vom Verein Karo ev. (engagiert sich gegen Zwangsprostitution) ist wie immer an ihrer Seite. Sie sagt: "Der Prozess ist skandalös." Denn 2007 kam das Grauen von 1992 bis 1993 (damals war das "Jasmin" von der Polizei gestürmt, W. festgenommen worden) wieder hoch. Die Staatsanwaltschaft befragte Beatrix E. und Mandy Kopp zu deren Freiern von damals. Die Ermittlungen standen im Zusammenhang mit dem sogenannten Sachsensumpf, eine bis heute ungeklärte Affäre, in der es um dubiose Immobiliengeschäfte sowie zweifelhafte Gerichtsurteile geht. Auch um Kinderprostitution. Das Bordell "Jasmin" tauchte bei den Ermittlungen immer wieder auf

Mandy Kopp und Beatrix erkannten unter anderem Jürgen N. wieder, ein Richter und ehemaliger Vizepräsident des Leipziger Landgerichts. Er erstattete Anzeige gegen die zwei Frauen wegen Verleumdung. Deshalb sitzen die beiden Opfer jetzt auf der Anklagebank

Besonders pikant ist: Der heutige Kläger Jürgen N. verknackte den Ex-Bordellchef Michael W. 1993 unter anderem wegen Zuhälterei zu einer recht milden Strafe von vier Jahren. W. rühmte sich damals bester Kontakte, redete davon, dass es versprochen habe, seine prominenten Freier nicht zu verraten

Gestern gibt sich der Ex-Zuhälter ganz cool, unwissend und macht ab und an einen auf Sensibelchen. Er finde schließlich wegen des Ganzen zurzeit keinen Job, mault er. Der Richter mahnt, er solle sich zusammenreißen, schließlich sei er mit seinen Mädels auch nicht zimperlich umgegangen. Ob er N. als Freier in seinem Bordell erkannt habe, will die Staatsanwaltschaft dennoch wissen. "Nein", beteuert W. - und Mandy Kopp weint erneut

Der Anwalt der Angeklagten bohrt weiter: Ob es ihn denn nie gewundert habe, dass bei all den Ermittlungen nie seine Bordell-Kunden ins Visier genommen worden wären? Jetzt lacht der frühere Puff-Chef W. bullig: Natürlich habe ihn das gewundert

Die zwei Frauen nicken. Dann wenden sie sich wieder von W. ab, damit sie ihn nicht sehen müssen. Sie würden am liebsten verschwinden, das merkt man. Doch bis zum 14. Dezember geht der Prozess gegen sie weiter

Anne-Kattrin Palmer

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