Karl Nolle, MdL

Druck+Papier Nr.8-9/2001-Jg.139, 27.07.2001

Vom Aufstieg und Fall eines Königs

Ein modernes Medienmärchen: Wie Kurt Biedenkopf vom Darling zum Bösewicht wurde
 
Ein vernünftiges Interview zu führen, das ist in diesen Tagen schier unmöglich mit Kurt Biedenkopf. Meist schon bei der ersten Frage unterbricht der 71jährige Ministerpräsident ungehalten die Journalisten, redet sich in Rage über "die Widerlichkeit", mit der sein schnieker Wohnsitz in der Dresdner Schevenstraße "und damit meine Frau und unsere persönliche Sphäre in die Auseinandersetzung hineingezogen wurden". Der einstmals so souveräne Sachsen-Regent zeigt Nerven.

Er wirke erschöpft, um Jahre gealtert, leicht reizbar und sei für sein eigenes Umfeld unberechenbar geworden, berichten die handverlesenen Journalisten, die am Hof von König Kurt zuletzt noch vorgelassen wurden. In der feinen Staatskanzlei, auf deren Dach weit sichtbar über die historische Dresdner Altstadt eine goldene Krone prangt, trafen sie einen herrischen Hausherrn, der sich zu wilden Verschwörungstheorien versteigt. Dies geht so weit, dass der CDU-Politiker eine Kumpanei zwischen der PDS und dem Springer-Verlag wittert, um ihn noch weiter in den Affärenstrudel hineinzuziehen.

Vorbei ist es mit den seichten Hofberichten und Homestorys, die vorzugsweise davon handelten, wie der junge Kurt seiner späteren Frau Ingrid die Puppenstube reparierte. Nach den keineswegs abgeschlossenen Affären um Dienstpersonal, Dienstwagennutzung, Verwandten-Unterbringung und Billig-Mieten sowie ein paar unschönen Amigo-Geschichten hängen dunkle Wolken über dem sächsischen Herrscherhaus.

Tiefe Schatten fallen auf die einstige Lichtgestalt Biedenkopf, der sich als notorischer Kritiker des "Systems Kohl" rasch den Ruf eines brillanten Querdenkers erworben hatte. "Biko" galt bei den Medien als couragierter Verkünder unliebsamer Wahrheiten - und war deshalb ein gefragter Interviewpartner. Bei Unternehmensbossen und Gewerkschaftsführern ging der eloquente Wirtschftsprofessor als geschätzter Ratgeber ein und aus. So kam sein Ruf als Schlichter bei dem monatelangen Tarifkonflikt in der Druckindustrie 1984 keineswegs überraschend. Aber erst nach der Wende avancierte der eigenwillige Vordenker zum Politstar, dem auf dem Höhepunkt der jüngsten Parteispendenaffäre sogar die Übernahme des CDU-Vorsitzes zugetraut worden war. Nachdem der frühere CDU-Eigenbrötler in Sachsen drei Wahlen mit absoluter Mehrheit gewonnen hatte, stieg er zum beliebtesten Politiker Deutschlands auf.

Aus und vorbei. Wer in der Publikums- und Mediengunst so weit aufsteigt wie Darling Biedenkopf, der kann besonders tief fallen im Affären-Tal. Beispiele dafür sind der ehemalige SPD-Hoffnungsträger Björn Engholm oder der zum Rückzug gedrängte Niedersachsen-Premier Gerhard Glogowski, der heute in der dritten Liga bei Eintracht Braunschweig den Präsidenten gibt. Eine rasante Entwicklung "vom Mythos zur Hybris" hat der Dresdner Korrespondent der "Süddeutschen Zeitung" (SZ), Jens Schneider, in Sachsen ausgemacht.

Jetzt werden jene Sätze aus Biedenkopfs Thesenpapieren über den erbärmlichen Zustand der Kohl-CDU gnadenlos gegen ihn selbst gewendet. "Die Partei ist nicht mehr lebendig. Ihr inneres Leben wurde in den letzten Jahren zunehmend erdrückt." Immer lauter werden die Stimmen in der Sachsen-CDU, die genau dies ihrem Alleinherrscher vorhalten. Und noch eine andere These des notorischen Kohl-Kritikers reiben ihm etliche Parteifreunde unter die eigene Nase, seit er seinen innerparteilich schärfsten Kritiker, Finanzminister Georg Milbradt, Knall auf Fall entlassen hat: "Eine Partei, die den politischen Streit um ihren Weg in die Zukunft aus Furcht vor der politischen Auseinandersetzung behindert oder unterdrückt, beginnt zu erstarren und verliert die Fähigkeit zu politischer Führung und Gestaltung."

Wie Kohl scheinen Biedenkopf Bodenhaftung, Sensibilität und Selbstkritik während seiner elfjährigen Regentschaft in Sachsen gänzlich abhanden gekommen zu sein. "Professor Widerspruch duldet keinen Widerspruch", beschreibt SZ-Korrespondent Schneider die Malaise des Landesvaters. Kritik lässt Biedenkopf schon lange nicht mehr an sich herankommen. Der Mann mit dem monarchischen Habitus ist in seiner Dresdner Regierungszentrale umzingelt von Bewunderern. Angefangen bei seiner Ehefrau Ingrid, die ihren Mann für das größte Genie nach Leonardo da Vinci hält, bis hin zu seinem engsten politischen Umfeld, das zumeist aus devoten Hofschranzen besteht.

Biedenkopf hat dies alles lange kaschieren können. Er habe es verstanden, "eine kluge Balance zu halten zwischen erhabener Pose und demonstrativer volksnaher Bescheidenheit", urteilt SZ-Korrespondent Schneider, der zahllose Auftritte des Sachsen-Regenten beim einfachen Volk durchaus fasziniert beobachtet hat: "Es ging ein Lächeln überÕs Land. Er konnte zaubern."

Doch plötzlich ist es vorbei mit dem medialen Hokus-Pokus um Biedenkopf und die allgegenwärtige Landesmutter Ingrid, die sich als wandelnder Petitionsausschuss gerne selbst in die Politik einmischt. Jetzt recherchiert die Journaille auf beinahe peinigende Art die Begleitumstände einer Alleinherrschaft, die bisher rundum bewundert oder als selbstverständlich hingenommen wurde.

In der sich ausbreitenden Entrüstung über die Selbstherrlichkeit des Hauses Biedenkopf hat "Die Zeit" ein "gehöriges Stück Heuchelei" ausgemacht. Begeistert hätten Scharen von Journalisten über die "Regierungs-WG", die "Kommune" in der Dresdner Schevenstraße berichtet, in der die Gattin des Ministerpräsidenten anfang der neunziger Jahre das Kabinett ihres Mannes beherbergte, beköstigte und bemutterte. "Niemand kann wirklich überrascht sein, dass dabei nicht immer auf die Wasseruhr geschaut wurde", wundert sich die Hamburger Wochenzeitung über die kleinkarierte Erbsenzählerei der wundersam wachsenden Biedenkopf-Kritiker im Medienlager.

Längst nicht alle Journalisten ließen sich blenden vom den glamorösen Regierungsstil des von den Medien zum "Sachsen-König" hochgejazzten CDU-Politikers. Der Dresdner "Spiegel"-Korrespondent Andreas Wassermann war bereits 1994/95 bei intensiven Recherchen auf politische und wirtschaftliche "Seilschaften in Sachsen" gestoßen, in denen das Haus Biedenkopf eine zentrale Rolle spielte. "Das ist hier ein Amigo-System wie in Bayern", meldete Wassermann an seine Hamburger Magazin-Zentrale. Dem "Spiegel"-Mann war aufgefallen, dass sich immer mehr Verwandtschaft der Biedenkopfs in Dresden breit machte: "Ich hatte das Gefühl, die holen ihre ganze Familie nach."

In seinen ersten Geschichten hatte Wassermann enthüllt, wie sich der sächsische Regierungschef einigermaßen auffällig für befreundete Bauunternehmer aus dem Westen ins Zeug legte. Biedenkopf verklärte seine offenkundige politische Einflussnahme zugunsten seiner Spezis zu einer "unorthodoxen Investions- und Standortpolitik". Der kritische "Spiegel"-Mann wurde anschließend aus der sächsischen Regierungszentrale belehrt: "Bedenken Sie immer: Guter Journalismus muss Sachsen dienen."

Nicht mal die sächsiche Opposition kümmerte sich zu dieser Zeit um die vermeintlichen Affären und Skandale. Dies änderte sich erst, als bei der letzten Landtagswahl der schwergewichtige SPD-Abgeordnete Karl Nolle ins Landesparlament einzog. Mit dem aus Hannover stammenden Nolle, der zugleich Arbeitgeberführer der sächsischen Druckindustrie ist, sei im Dresdner Landtag erstmals "Opposition wie im Westen" betrieben worden, sagt "Spiegel"-Korrespondent Wassermann anerkennend: "Der hat unentwegt nach Schwachstellen bei der Regierung gesucht und so lange drin rum gebohrt, bis es weh tat". Vor allem räumte Nolle rabiat mit dem Personenkult um die Biedenkopfs auf: "Nicht alles, was gut für die Familie ist, ist auch gut für Sachsen."

Der Dresdner Politik-Professor Werner J. Patzelt hat sich in den letzten Monaten intensiv mit dem "Phänomen Biedenkopf" beschäftigt, einem westdeutschen CDU-Politiker, der populär sei "bis weit in die PDS hinein". Geschickt habe sich Biedenkopf all die Jahre als "ein Bonaparte" inszeniert, "der sich mit seinem Volk in Einklang weiß", sagt Patzelt: "Und nette Herrscher liebt das Volk." Man müsse sich nur seine Wahlplakate anschauen. Die zeigten einen graumelierten, sonierten, vertrauenswürdigen älteren Herrn. "Sowas kommt einfach gut rüber bei den harmoniesüchtigen Sachsen." Öffentlichen Widerspruch habe Biedenkopf bis zu den jüngsten Affären nicht erdulden müssen: "die Medien haben ihm aus der Hand gefressen."

Erst in der Krise habe Biedenkopf "eine unglückliche Figur gemacht". Er sei "zu Fehlern gedrängt" worden, habe versucht, "die Journalisten für dumm zu verkaufen". Durch all seine Widersprüche in der Verteidigungs-Strategie habe er bei öffentlichen Auftritten immer häufiger die Contenance verloren und sich als "eitler Fatzke" und "herrschsüchtiger Regent" entpuppt, urteilt Politik-Professor Patzelt, der immerhin CDU-Mitglied ist.

Patzelt ("Ich bin der Hofnarr der Sachsen-CDU") hat keine Traute vor Königsthronen. Demnächst will der Professor mit dem Lehrstuhl für politische Systemvergleiche das "System Biedenkopf" wissenschaftlich gründlich untersuchen. "Aber erst, wenn es mausetot ist."
(Johannes Nitschmann)

Karl Nolle im Webseitentest
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