Karl Nolle, MdL

Freie Presse Chemnitz, 06.01.2014

Der Mann, der aus der Wirtschaft kam

 
Zwölfeinhalb Jahre als Berufspolitiker sollen reichen: Sachsens Ausländerbeauftragter Gillo tritt nicht zur Landtagswahl 2014 an.

DRESDEN — „Ich habe mein ganzes Leben gelernt loszulassen", sagt Martin Gillo. Er sitzt in seinem Landtagsbüro 343, das viel zu klein ist, um es eines Tages zu vermissen. Gillo wird jedoch nicht nur seine zwölf Quadratmeter fassende Abgeordnetenzelle mit Schreibtisch und Regal verlieren. Im Herbst ist er auch sein größeres Büro auf der anderen Straßenseite los, mitsamt dazugehörigem Posten als Sächsischer Ausländerbeauftragter. Den nennt er inzwischen die „wichtigste Rolle" seiner Karriere. Trotzdem wird er 2014 nicht noch einmal zur Landtagswahl antreten. Dazu habe er sich schon vor längerem entschieden. Eingeweiht hat er freilich nur wenige. Er habe nicht gewollt, dass die Personalie den Job überlagert, gerade zuletzt, wegen der Proteste vor den Asylbewerberheimen.

So muss die CDU Mittelsachsen am Freitag einen anderen Freiberger Direktkandidaten für die Wahl am 31. August aufstellen. Manchem in der Partei, dem Gillos Arbeit im Wahlkreis zuletzt viel zu kurz kam, wird das gar nicht unrecht sein. Für Sachsens Ausländer ist der Abgang ihres obersten Lobbyisten hingegen keine gute Nachricht, der Nachfolger wird es sehr schwer haben.

„Man muss Mut haben, Dinge zu tun, wo anderen sagen: Hat der noch alle Tassen im Schrank?"
Martin Gillo in seiner Funktion als Wirtschaftsminister

Gillo ist inzwischen 68, ohne dass ihm das Alter wirklich anzusehen ist. Er wäre immer noch heißer Favorit, gäbe es einen Wettbewerb um den Titel des sächsischen Politikers mit dem herzlichsten Lachen. Unerschütterlicher Optimismus war schon im Frühjahr 2002 sein Markenzeichen, als für den damaligen AMD-Geschäftsführer das Abenteuer Politik begann, ganz ohne Vorwarnung, mit einem kurzen Anruf des gerade frisch gekürten Minister-
/ präsidenten Georg Milbradt. „Eine Woche später war ich Minister."

Nach 22 Jahren in leitender Funktion beim Chipproduzenten AMD, da hätte nicht jeder losgelassen. Gillo hat. Ehe er es sich versah, bekam er es mit dem Boulevard zu tun, der ihn mal als „Gaga-Gillo", mal als „Radau-Minister" titulierte. Er selbst schrieb jenes anfängliche „Tal der bissigen Kommentare" der überzogenen Erwartungshaltung zu. Tatsächlich legte sich der Quereinsteiger nach der August-Flut 2002 beim Ringen um Hilfsgelder gleich mal mit der halben Bundesregierung an, woraufhin Finanzminister Hans Eichel (SPD) ihn als „sächsischen Stinkstiefel" abkanzelte. Gillo sagt, dass er natürlich Ruhe und Frieden bevorzuge. „Doch wenn das nicht genug ist, um eine gute Sache nach vorne zu bringen, bin ich auch bereit, für die Sache zu kämpfen."

2002 floss schließlich genug Fluthilfe nach Sachsen, und auch sonst sprach alles dafür, dass Gillo nicht schon nach zweieinhalb Jahren sein Ministeramt wieder verlieren sollte: Dazu trat der bis dahin Parteilose 2003 in die CDU ein und suchte sich, übrigens genauso wie der jetzige Bundesinnenminister Thomas de Maiziere, einen CDU-Wahlkreis, um auch in Milbradts nächstem Kabinett sitzen zu dürfen. Das mit dem Mandat klappte in Freiberg, trotzdem blieb ihm die weitere Minister-Karriere versagt, weil die CDU 2004 die absolute Mehrheit und damit auch die Ministerien für Wissenschaft und Wirtschaft an die SPD verlor.

Damit standen die Ressortchefs Matthias Rößler und Martin Gillo plötzlich auf verlorenem Posten. Erst 2009 gelang beiden das Comeback, Rößler wurde Landtagspräsident, Gillo Ausländerbeauftragter. Dass der Ex-Manager bis zur neuen Traumrolle fünf Jahre als einfacher Abgeordneter ausharrte, hätten viele Kollegen nicht für möglich gehalten. Immerhin musste Gillo, gemessen am Schwund der ihm unterstellten Mitarbeiter, einen kolossalen Machtverlust verkraften: 2.000 hatte er bei AMD, 3.300 im Wirtschaftsministerium mitsamt Unterbehörden, nur noch zwei als Abgeordneter.

Aber der Psychologieprofessor schuf sich im Raum 343 eine Nische, arbeitete nebenbei als Unternehmensberater und schrieb das Buch „Go Deutschland Go" mit Vorschlägen zur Liberalisierung des Arbeitsmarktes. Bereits als Minister hatte er sich mit seinem sogenannte Aha-Modell zum „Abbau von Hemmnissen auf dem Arbeitsmarkt" — zu denen Gillo etwa den aus seiner Sicht zu starren Kündigungsschutz zählt — den Zorn der Gewerkschafter zugezogen. „Gillo, go home", raunzte ihm damals DGB-Landeschef Hanjo Lucassen hinterher. Heute stehen Lucassens Nachfolger und Sachsens Ausländerbeauftragter bei Protesten gegen Anti-Asylbewerber-Aktionen der NPD schon mal Seite an Seite.

Die Rechtsextremen haben Gillo zum Feindbild erkoren, aber dem macht das nichts aus. Er glaube auch nicht daran, dass die NPD-Versuche verfangen werden, sich auf Kosten der steigenden Flüchtlingszahlen im Landtagswahlkampf zu profilieren." Wenn alle anderen Parteien, Kirchen und Gewerkschaften zusammenhalten, haben sie keine Chance." Ganz Optimist.

Als Minister sagte er einst, man müsse „Mut haben, Dinge zu tun, wo alle anderen sagen: Hat der noch alle Tassen im Schrank?"

Mit dem Nimbus des Querdenkers kokettiert er bis heute, nicht nur in seinem unterhaltsamen Blog „Montags bei Martin". Auch als Ausländerbeauftragter sprühte er von Beginn an vor Ideen, nicht nur zur Freude der vom Tatendrang ihres Chefs zuweilen überrollten Mitarbeiter. Sieben hat er jetzt. So führte Gillo einen ziemlich aufwändigen „Heim-Tüv" ein, um die Qualität der Asylbewerber-Unterkünfte zu verbessern. Nun soll der Test bundesweit Schule machen.

Falsche Rücksichtnahmen sind Gillo fremd. Im Landtag fordert er schon mal: „Öffnen wir uns neuen Moscheen, Tempeln und Synagogen!" — obwohl er genau weiß, dass sich die Leipziger CDU mit einem geplanten Moschee-Neubau bis heute schwertut. Entgegen der Parteilinie tritt Gillo seit langem für den Doppelpass ein. Er selbst besitzt die deutsche und die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Nicht nur aus Opposition und Flüchtlingsinitiativen, auch aus der Wirtschaft, die ohne verstärkte Zuwanderung echte Probleme bekommen wird, erntet der Kommunikationsprofi für seine Vorstöße reichlich Komplimente.

„Öffnen wir uns neuen Moscheen, Tempeln und Synagogen!"
Martin Gillo in seiner Funktion als Ausländerbeauftragter

Im eigenen Lager hat er es dafür um so schwerer. „Der Amerikaner", heißt es zuweilen abschätzig, nach Fraktionssitzungen kehrt er oftmals geplättet in sein Büro zurück. Trotzdem will Gillo die Darstellung, er stünde mit seinen liberalen Positionen eher am Rande der sächsischen Konservativen, nicht gelten lassen. Als Fremdkörper fühle er sich keineswegs, und überhaupt: „Die CDU ist eine Volkspartei." Die ab Herbst aber ohne ihn auskommen muss. Nach Karriereende will sich Gillo mit Mitstreitern dafür einsetzen, dass in Dresden „ein Zentrum für Religionspluralismus" entsteht. „Denn alle Weltreligionen und ihre Anhänger sollen sich bei uns auf Augenhöhe begegnen können und mit gegenseitiger Wertschätzung zusammenleben." Bis dahin, sagt Gillo, sei es in Sachsen zwar noch ein langer Weg. Aber er werde sich lohnen.

Martin Gillo - Psychologieprofessor, Manager und Politiker:
Eine Karriere mit Doppelpass.

Kurz vor Kriegsende wurde Martin Gillo am 23. März 1945 in Leipzig geboren. Anschließend wuchs er im niedersächsischen Delmenhorst auf, bevor er nach dem Wehrdienst in Hamburg und Kansas Psychologie studierte und promovierte. Von 1974 bis 1980 arbeitete er für eine US-amerikanische Unternehmensberatung.

Für AMD war er dann 22 Jahre als Personalchef tätig - zunächst neun Jahre im kalifornischen Sunnyvale, ab 1989 dann im schweizerischen Genf. Als Geschäftsführer und Personaldirektor baute er schließlich ab 1996 den Dresdner AMD-Standort auf - bis er im Frühjahr 2002 plötzlich in die sächsische Landespolitik wechselte.

Wirtschaftsminister blieb er zweieinhalb Jahre - bis das Amt dem neuen Koalitionspartner SPD zufiel. Das CDU-Mitglied behielt aber sein 2004 im Wahlkreis Freiberg 2 errungenes Landtagsmandat. 2009 konnte es der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern verteidigen, bevor er Ausländerbeauftragter wurde.

von Tino Moritz