Karl Nolle, MdL

Rede, Plenum Sächsischer Landtag, 20.01.2000

Förderung des Zugangs zum Internet.

CDU-Antrag DS 3/0477
 
Ich glaube, es ist hier bisher um den heissen Brei geredet worden. Es geht doch bei der Internetdiskussion im Kern nicht um KOMPRI oder SET. Die üblichen Jubelberichte darüber gehören in den zuständigen Ausschuss. Ein Schlagabtausch hier im Plenum mag vielleicht ganz amüsant sein, da tue ich auch gerne meinen Job, aber einer zielgerichteten Analyse dient das kaum, bei allem Wohlwollen.

* Anrede
Die Frage ist doch, sind die 300 KOMPRI-Unternehmen, die 1000 Internetanschlüsse, ein paar Mio DM Investitionen des Freistaates, 200 Schulen mit einer Homepage, 30 Schüler, die sich im Schnitt einen Computer teilen - und ein paar neue bunte Broschüren eigentlich wirklich Anlaß, zur üblichen Selbstzufriedenheit und Selbstgerechtigkeit?

Da dankt die Regierung der Fraktion und die Fraktion dankt herzlich dem Minister. Ich sage nein! Weil kaum gesehen wird, daß die Entwicklung über uns wegrollt, und zwar schneller als der Amtsschimmel wiehern kann.

Hier einige Beispiele:
Wie lange hat es gedauert, bis 50 Mio Telefonanschlüsse geschaltet wurden? Das waren 40 Jahre.
Wie lange hat es gedauert bis 50 Mio Fernseher installiert wurden?
Das waren 16 Jahre.
Ich frage Sie, wie lange hat es gedauert bis 50 Mio Internetanschlüsse geschaffen wurden?
Das waren 3 Jahre.

Und weiter -
Wie hoch ist wohl im Jahr 2000 der Verkaufsumsatz im Internet?
2 Mrd DM
Wie hoch wird er im Jahre 2002 sein?
100 Mrd DM

Hier liegt doch das eigentliche Problem !
Das ist eine dramatische Entwicklung, die niemand so gesehen hat, oder sehen wollte!

* Anrede
Da muß die Politik sofort etwas tun, wenn sie nicht die rasende Entwicklung verschlafen will.
Hier muß sofort das Bildungsruder zu einem völlig neuen Bildungskanon herumgerissen werden. Wie muß heute Wissen und Können der Schüler am Ende ihrer Schulzeit aussehen? Was sind die richtigen Grundlagen für Lehre, Studium, Beruf, in einem Land, wo viele Jugendliche heute den Hauptschulabschluss nicht schaffen!

Was ist das notwendige Basiswissen, die Grundfähigkeit für lebenslanges Lernen?
Da müssen wir uns über mehr als über notwendige überkommende Kulturtugenden unterhalten, über mehr als Kopfnoten in Betragen, Diziplin und Ehrlichkeit.
(ein antiquiertes Wort in diesen Tagen?)

Unsere Standard-Kulturtechniken, wie Lesen, Schreiben und Rechnen konnten früher über Jahrzehnte bleiben. Und was ist mit Computerkunde und Informatik?

Das erzählen Sie mal einem Ministerial-Philologen, der kuckt doch, wie der Minister, wie ein Schwein ins Uhrwerk, wie der Volksmund sagt.

Informatik als Wissenschaft, Technik und Anwendung digitaler Verarbeitung, als Übermittlung von Informationen, als Erlernen von Methodik, Analyse und Architektur von Informatiksystemen, ihrer Anwendungen, Auswirkungen und ständige Veränderungen, ihre Grenzen und Probleme.

Informatik als Schulfach, das ist mehr als ein bißchen surfen in der 7. Klasse. Es bedeutet das Erlernen und die Einübung einer spezifischen Begriffssystematik, es ist keine Spielerei nur mit der Maus.

Aber, vielleicht spielerisch lernen über und mit Information und Kommunikation.
Informatikunterricht schafft eine sichere Basis für den Umgang mit Informatik-systemen, mit Anwendungen der Informatik und allgemein der schon heute wichtigsten und morgen zentralen Zivilisationstechnik.

Computer und Informatik für j e d e n Schüler in Sachsen ab der 5. Klasse, das muß sofort auf den Weg gebracht werden. Das bedeutet, den Schülern Zeit geben und Gelegenheit zum Lernen, ja für Schüler und Lehrer Zeit investieren. Das bedeutet Lehrer permanent weiter-zubilden, denn das gerade erarbeitete Wissen veraltert alle 2-3 Jahre. Das können Lehrer nicht eben nebenher.

Die Forderung "Computer für jeden Schüler und Lehrer" ist jedoch verfehlt bei verarmten Schulträgern, die noch nicht einmal Geld für neue Klobrillen haben.
Das muß sofort geändert werden, es muß zentrale Aufgabe des Landes werden, mit Unterstützung der Universitäten und der Industrie.

Aber die Wirklichkeit z.B.in einer so armen Stadt, wie Dresden, sieht dagegen so aus:

Beispiel 1
Die Berufsschule für Technik in der Gasanstaltstraße 8, die im ganz neuen Beruf des Mediendesigners ausbilden soll, verfügt nur über Computer und Software von 1992. Es ist kein Geld da, sagt der Schulträger seit Jahren.
Mittelbedarf 200 tsd DM. Ein Skandal! Diese Berufsschule (für Technik) kann ihren verfassungsmäßigen Auftrag zum technologischen Teil der schulischen Ausbildung nicht erfüllen. Wo ist die übergreifende Verantwortung des Freistaates?
Aber was solls, der Sachmitteletat von jährlich 800 DM, reicht ja für Kreide und Schwämme.

Beispiel 2
Das Schülerrechenzentrum in Dresden e.V. in dem jährlich über 100 besonders begabte Schüler fit gemacht wurden, ist von der Schliessung bedroht, weil die Stadt wegen Geldmangel die notwendige Förderung streichen will.

Diese Beispiele zeigen viel über die tatsächliche Innovationswilligkeit in unserem Lande und die Fähigkeit seines Kultusministers, seinen Platz hinter dem Mond wirklich verlassen zu können..

Das kann doch den Unternehmen im Lande nicht gleichgültig sein.
Das ist die Welt von gestern in Sachsens Landeshauptstadt, meine Damen und Herren - Computer antik - für die Problemlösungen von morgen.

Aber bei Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen von der CDU, hat man ja ohnehin in letzter Zeit den Eindruck als wollten Sie online-banking wieder durch den kontolosen Bargeldzahlungsverkehr ersetzen.
Dafür braucht man dann in der Tat keine Computer nur eine chinesische Bimbis- zählmaschine im schwarzen Diplomatenkoffer - nach der Methode Kugel schieben - bevor die schwerere Kugel ans Parteibein geschmiedet wird.

* Anrede
Wir brauchen einen interaktiven Bürger- und Unternehmerservice auf den homepages des Freistaates. Hier schlagen wir ein Modellprojekt für die Kommunikation mit Behörden und Verwaltungen vor.

Genehmigungen, Anträge usw. müssen aus dem Internet abrufbar sein. Und sie müssen auch über das Internet auszu-füllen und einzureichen sein. Denn es lohnt sich für sie, ins Internet zu gehen. Zu einen solchen Unternehmenservice im Internet gehört ein vernünftiger Sanierungsratgeber und ein Infopaket für Existenzgründer.

Die Staatsregierung sollte hier eng mit den Kammern und Verbänden zusam-menarbeiten. Die Zukunft der Verwaltungen, der Schulen, der Berufsschulen, der Universitäten, der Unternehmen liegt im Netz.

* Anrede
Kommunikation im Internet, Intranet und E-Commerce - das Elektronische Netz, es ist zur treibenden Kraft der Strukturrevolution von der fertigungszentrierten zur wissens- und dienstleistungsbasierten Wirtschaft geworden.

Die Frage ist doch: Wieviel Arbeitsplätze werden zwischen Pleiße und Neiße diesen Wandel überleben? Oder schaffen wir es, diese Kommunikationstechniken zum Motor unserer Wirtschaft machen, einer weitaus intelligenteren Quelle von Arbeit als der Niedriglohnsektor, der trotzdem noch bleiben wird ?

Da reichen eben keine bunten Faltblätter, nicht Schwamm und nicht Kreide!
Da muß gepowert werden und nicht gekleckert!